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Dr. med. Jörg Noetzel, 56, Medizinischer Geschäftsführer, Vorsitzender der Geschäftsführung Klinikverbund Südwest GmbH


Welche Ihrer Vorzüge werden verkannt?

Für mich ist es wichtig, gerade in komplexen Entscheidungsprozessen, die betroffenen Personen adäquat einzubeziehen. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Betriebs- und Organisationsplanung in diversen Bauprojekten. Die Nutzer vor Ort wissen am besten, was funktioniert und was nicht.Damit können sie  oftmals viel besser als so mancher nicht-klinische Projektleiter wissen, wo die Vor- und Nachteile von den zur Entscheidung anstehenden Alternativen liegen. Gerade zu Beginn der Planung müssen Sie sich diese Zeit gönnen, um spätere, sehr teure Änderungen zu vermeiden. Dies könnte dazu führen, dass so mancher die Vorteile dieser Vorgehensweise gegenüber einer einfach nur schnellen Entscheidung auf den ersten Blick „verkennt“.

Was war Ihre größte Fehlentscheidung und was haben Sie daraus gelernt?

Wer entscheidet, macht Fehler und wer mehr entscheidet, hat auch eine größere Chance, solche zu  machen. Ich sehe Fehler nicht als Problem, sondern, insbesondere, wenn man sie nur einmal macht, als  große Chance zur Verbesserung. Deshalb bedeutet mir auch eine gute Fehlerkultur als Bestandteil der  Unternehmenskultur viel. Keine Frage, ich habe sicher auch schon Fehler gemacht, jedoch bereue ich in der Rückschau meine Entscheidungen nicht, die ich im privaten oder beruflichen Umfeld getroffen habe. Eine gravierende Entscheidung in meinem Leben war die, als Facharzt für Chirurgie vor ca. 19 Jahren ins  Management zu wechseln. Da stelle ich mir immer wieder mal die Frage,wie mein Leben als klinisch tätiger  Arzt weitergegangen wäre und welche Tätigkeit sinnstiftender ist: die eines Geschäftsführers oder die eines Arztes? Der Arztberuf ist ein wundervoller Beruf. Was gibt es schöneres als Menschen zu retten oder zu  helfen? Aus der Rückschau bereue ich aber auch diese Entscheidung nicht. 

Welches politische Projekt sollte schnell umgesetzt werden?

Auf der globalen Ebene natürlich der Klimaschutz. Wir müssen für unseren Planeten sorgen. Im beruflichen Kontext fallen mir drei Themen ein. Erstens: Die intersektorale Verschmelzung muss endlich  abrechnungstechnisch und bei der Digitalisierung vollzogenwerden. Zweitens: die Politik sollte klar und  deutlich entscheiden,welche Krankenhäuser erforderlich sind und welche nicht, anstatt sie mit Bürokratie,  Überreglementierung und Drangsalierung schleichend und unselektiert runter zu fahren. Das Problem ließe  sich durch klare Vorgaben auf Bundesebene lösen. Drittens: die Notfallversorgung muss medizinisch  sinnvoll und frei von Klientelpolitik modernisiert werden. Wir brauchen den gemeinsamen Tresen und die Krankenhäuser, die einen Großteil der Notfallversorgung übernehmen, dürfen nicht schon wieder  beschnitten werden. Der aktuelle Referentenentwurf dazu muss dringend überarbeitet werden! 

Was ertragen Sie nur mit Humor?

Auf globalpolitischer Ebene beunruhigt mich die zunehmende Intoleranz mancher innenpolitischen  Bewegungen sowie der um sich greifende Protektionismus und Nationalismus in manchen Staaten. Im  beruflichen Kontext kann ich als Geschäftsführer natürlich gestalten und damit lange, unproduktive  Sitzungen weitestgehend vermeiden, die mich früher maßlos gestört haben, ebenso wie Menschen, die in alten Mustern festgefahren sind und keinerlei Offenheit für neues haben.

Wie können Sie am besten Stress abbauen?

Da mir mein Beruf Freude bereitet, habe ich eher positiven Stress. Zum Runterkommen gehe ich gerne in den Wald direkt vor der Haustür und mache lange Spaziergänge mit meiner Frau oder gehe mit dem Rad los. Den Urlaub verbringe ich am liebsten in Südtirol, Ligurien oder Frankreich. Hauptsache, es gibt Berge  zum Wandern oder Skifahren und Zeit zum Bücherlesen.

Quelle: KU Gesundheitsmanagement 02/2020