V wie Vernetzung

Das deutsche Gesundheitssystem gehört ohne Zweifel weltweit zu den besten. Jede Bürgerin und jeder Bürger hat Zugang zu einer umfassenden und qualitativ hochwertigen Gesundheitsversorgung. Dafür und für das akribisch durchgeplante und gemanagte System wird Deutschland international geschätzt.


Gleichzeitig gibt es kein anderes Gesundheitssystem, das aufgrund seiner historisch gewachsenen Strukturen so fragmentiert und komplex geworden ist. Die heutigen Strukturen scheinen im Angesicht aktueller Herausforderungen und Trends nicht mehr zukunftsweisend zu sein. Personalmangel in ländlichen Regionen, neue Marktteilnehmer, sich ändernde Patientenanforderungen und die Digitalisierung fordern neue Formen der intersektoralen Zusammenarbeit beziehungsweise die vollständige Auflösung der Sektoren hin zu einer revolutionären Erneuerung etablierter Versorgungsmuster. Ziel einer sektorenübergreifenden Vernetzung und Versorgung ist die Überwindung von Schnittstellenproblematiken zwischen den und innerhalb der Sektoren. Hier müssen haus- und fachärztliche Leistungen ebenso wie akutmedizinische und rehabilitative Versorgung koordiniert werden. 

Politik in der Verantwortung

Die sektorenübergreifende Vernetzung ist eines der Dauerthemen in der deutschen Gesundheitspolitik. Begonnen haben die politischen Bestrebungen zur Förderung der sektorenübergreifenden Versorgung spätestens 1997 mit dem GKV-Neuordnungsgesetz und der Einführung von Strukturverträgen. Im aktuellen Koalitionsvertrag der Bundesregierung wird das Schlagwort Vernetzung mehrfach genannt. So heißt es im Koalitionsvertrag der CDU/CSU und der SPD für die 19. Legislaturperiode: „Die Zusammenarbeit und Vernetzung im Gesundheitswesen müssen ausgebaut und verstärkt werden. Für eine sektorenübergreifende Versorgung wollen wir weitere nachhaltige Schritte einleiten, damit sich die Behandlungsverläufe ausschließlich am medizinisch-pflegerischen Bedarf der Patientinnen und Patienten ausrichten.“ Weiterhin heißt es mit Bezug zur stationären Versorgung im Krankenhaus: „Die Qualitätsoffensive für Krankenhäuser soll fortgesetzt werden. 

Dazu gehören insbesondere eine qualitätsorientierte Arbeitsteilung und Vernetzung zwischen einer gut erreichbaren Grund- und Regelversorgung.“ Zur Erreichung erster Fortschritte hat die Koalition angekündigt, eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe im Deutschen Bundestag einzurichten, welche bis 2020 entsprechende Vorschläge unterbreiten soll. Die Ergebnisse sind mit Spannung zu erwarten. Vielfältige politische Versuche gab es schon in der Vergangenheit – von der hausarztzentrierten Versorgung über Disease Management-Programme bis hin zur Integrierten Versorgung (IV).

Gestaltungswille der Leistungserbringer und Kostenträger gefragt

Inkompatible IT-Systeme für den Datenaustausch sind in Deutschland ein großes Thema. Dies gilt sowohl für die interne Kommunikation in den Einrichtungen, beispielweise zwischen der Radiologie eines Krankenhauses und anderen Fachabteilungen, als auch intersektoral, beispielsweise zwischen ambulanten, stationären und nachsorgenden Einrichtungen einschließlich der Abrechnung bei den Krankenkassen.

Ein zentrales Problem bei der Verbesserung der Kompatibilität der IT-Systeme stellen divergierende Interessen der unterschiedlichen Leistungserbringer aber auch Kostenträger selbst dar. Um Vernetzungsprojekte voran zu bringen, sind daher in der Regel umfangreiche Abstimmungsrunden erforderlich. Das kostet Zeit und Geld. Ist aber erforderlich. Wichtig hierbei ist, dass die Leistungserbringer Gestaltungswillen einbringen. Noch zu oft werden hinsichtlich notwendiger Veränderungen lediglich Abwehrschlachten geführt. Dabei können alle nur verlieren. Am meisten verliert natürlich der Patient.

Best-Practices existieren bereits

Neben den vom Gesetzgeber initiierten Aktionen und Anreizen sind es auch innovative Freidenker und Macher, die eine neue Ära des Versorgungssystems aus eigenem Antrieb vorantreiben. Ein viel zitiertes Beispiel einer sektorenübergreifenden Vernetzung ist die Initiative Gesundes Kinzigtal GmbH, bei der inhaltliche und regionale Zusammenarbeit von Leistungserbringern im Vordergrund steht. Die Rhön-Klinikum AG hat ein eigenes Campus-Konzept entwickelt, mit dem sie Sektorengrenzen nicht nur überbrücken, sondern gänzlich auflösen möchte. 

Die Vernetzung zwischen Leistungserbringern vermag nicht nur die starren Sektorengrenzen der medizinischen Versorgung zu überwinden, sondern auch eine Steigerung der medizinischen Exzellenz zu erzielen. Vernetzung macht eine partnerschaftliche Leistungserbringung möglich. Sie kann die Behandlungsqualität und Patientensicherheit trotz limitierter finanzieller und personeller Ressourcen steigern. Neben inhaltlicher und regionaler Zusammenarbeit von Leistungserbringern schafft die Digitalisierung zusätzliche Möglichkeiten zur besseren Vernetzung im Gesundheitswesen.

Autor: Prof. Dr. Volker Penter, KPMG KG

Quelle: KU Gesundheitsmanagement 12/2018