Rechtskolumne: Behandlungsfehler bei Diagnosefehler und Diagnoseirrtum

Kürzlich hatte das OLG Hamm über einen Fall zu entscheiden, wonach eine nicht dislozierte Fraktur im Sprunggelenk des Klägers durch einen Assistenzarzt in den ersten Berufsjahren übersehen wurde.

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Dieser diagnostizierte eine Prellung. Die medizinisch gebotene Behandlung der Fraktur wurde unterlassen. 

Der Sachverständige und auch zwei unabhängige weitere Fachärzte, die der Sachverständige konsultierte, ohne Ihnen den Gegenstand des gerichtlichen Verfahrens zu eröffnen, erkannten die Frakturlinien auf dem Röntgenbild. Der 26. Zivilsenat folgte der Auffassung des Sachverständigen, wonach es zwar vorstellbar sei, dass ein Berufsanfänger die Fraktur übersehe, aber spätestens bei einer Nachbefundung oder Röntgenbesprechung mit Ober-/Chefarzt der Fehler hätte auffallen müssen. Dies war aber schließlich für die Annahme des Behandlungsfehlers irrelevant, denn auch ein Berufsanfänger ist im Arzthaftungsprozess am Facharztstandard der Orthopädie und Unfallchirurgie zu messen.

Die Diagnose der Prellung war gemessen am Facharztstandard medizinisch nicht vertretbar und deshalb kein bloßer Diagnoseirrtum. Der Schmerzensgeldanspruch wurde in Höhe von 10.000 Euro bewilligt. In der Folge des Diagnosefehlers kam es zur Dislokation der Fraktur und zu einer Destruktion des oberen Sprunggelenks mit weiteren Heilungsschwierigkeiten. Der Kläger musste sich mehrfach Revisionsoperationen unterziehen und das verletzte Sprunggelenk ist nicht mehr so belastbar wie zuvor.

OLG Hamm, Urteil vom 13.11.2018 - 26 U 56/18

Praxistipp: In diesem Fall ist die Unterscheidung zwischen Diagnosefehler und -irrtum maßgeblich. Letzterer löst keinen Haftungsfall aus. Ein Diagnoseirrtum ist medizinisch vertretbar. Dies war hier jedoch nicht der Fall, da laut Aussage des Sachverständigen ein Facharzt die Frakturlinie hätte sehen müssen.

Kontakt zum Autor: Dr. Tobias Weimer, M.A. Fachanwalt für Medizinrecht, c/o WEIMER I BORK – Kanzlei für Medizin-, Arbeits- & Strafrecht, Frielinghausstr. 8, 44803 Bochum, www.kanzlei-weimer-bork.de; www.smart-complaince-consulting.de; weimer@kanzlei-weimer-bork.de