Digitalisierung: Sind die personellen Voraussetzungen vorhanden?

Das Internet gibt es bereits seit 30 Jahren, aber ein Großteil der Informationen ist erst in den letzten beiden Jahren hinzugekommen. Die Menge an Informationen steigt exponentiell und sprunghaft. So schnell, dass der Mensch mit dem Lesen nicht mehr nachkommt.

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Ein Hautarzt müsste heute wöchentlich rund 160 Stunden lesen, um der Entwicklung in seinem Fachgebiet nachzukommen. Heute besteht die Kunst darin, schnell die relevanten Informationen herauszufiltern, die benötigt werden. Es wird immer mehr Wissen veröffentlicht, immer mehr Studien werden publiziert. Was erst einmal gut klingt, hat aber auch seine Schattenseiten. Denn mehr ist nicht immer besser. Alleine die wissenschaftliche Literaturdatenbank Pubmed wächst jährlich um etwa 500.000 Dokumente. Und wer soll das alles noch lesen können? Das Evidenzbasierte-Medizin (EBM)-Netzwerk spricht auch von einer Zunahme an schlechten Studien, die als sog. „Wissenschaftsmüll“ klassifiziert werden können. Im Wissenschaftsbetrieb gilt bei Promotions- und Habilitationszwecken der Grundsatz: „publish or perish“ (publiziere oder verlasse das System). Das ständige Update und die Masse an Informationen führen dazu, dass wir Maschinen (wie einen Browser) brauchen, um uns da hindurch zu navigieren. Die Führungskraft von heute braucht ein „Ultradestillat“, in dem ihm die wichtigsten Informationen herausgefiltert werden. Was früher und heute noch die Sekretärin weggeschafft hat, wird morgen zunehmend maschinengestützt geleistet werden müssen.

Digital Immigrants sind die heutigen Entscheider im Gesundheitswesen

Der bekannte Begriff „Digital Natives“ geht auf den Autor Prensky und seinen veröffentlichten Artikel „Digital Natives, Digital Immigrants“ in der Zeitschrift „On The Horizon“ aus dem Jahr 2001 zurück. Die deutsche Übersetzung davon lautet sinngemäß: „der in die digitale Welt hinein Geborene“ oder kurz „digitaler Einheimischer“. Wenn man davon ausgeht, dass der durchschnittliche Top-Entscheider im Gesundheitswesen „Mitte 50, männlich“ ist, so liegt diese Altersgruppe weit weg von den Digital Natives und ist in einer analogen Welt groß geworden. Und für diese Personengruppe gibt es auch einen eigenen Begriff – wie sollte es auch anders sein. Das Gegenteil der Digital Natives ist der „Digital Immigrant“. Damit bezeichnet man eine Person, die neue Technologien erst im Erwachsenenalter kennengelernt hat und sich (bestenfalls) in einem Prozess der ständigen Anpassung befindet. Und zwischen den beiden Gruppen gibt es heute eine kleine Industrie an Coaches, Speakern und Beratern, die die Wissenslücke schließen möchte, indem sie den Entscheidern erklärt, wie die Digital Natives (bzw. die Generation Y) denn „tickt“.

Kontinuum zwischen Early-Adopters und Leggards

Während die einen Wissensarbeiter sich bereits seit Jahren in das Thema aktiv eingearbeitet haben und hier als Früh-Anwender (engl. early-adopters) bezeichnet werden können, gibt es auf der anderen Seite des Kontinuums auch diejenigen, die einen späten Zugang (engl. leggards) oder gar keinen Zugang zu der digitalen Welt gefunden haben. Sicherlich kommt noch das Thema der persönlichen Affinität zu Technik hinzu, so dass es Führungskräfte gibt, die eine weitere Digitalisierung rund um ihren Arbeitsplatz einfordern und andere wiederum, die sich vehement dagegen aussprechen oder die Zeit bis zum Ruhestand dem Zeitinvestment des Anlernens gegenübergestellt haben – mit dem Ergebnis: „Das lohnt sich jetzt auch nicht mehr.“ Hinzu kommen die ganzen negativen Emotionen, die mit dem SchlagwortDigitalisierung ausgelöst werden. Hierzu zählen Ängste und Befürchtungen rund um die Themen Datenschutz, Datenmissbrauch, Datenraub, Rationierung von Arbeitskräften. Doch es  werden auch die Chancen vertan, wenn man sich der Entwicklung entgegenstellt. Durch die Digitalisierung können nämlich noch viele Effizienzreserven durch Automatisierung von Prozessen gehoben werden.

Interdisziplinarität wird immer wichtiger – Schnittstellenmanager all überall

Eine Führungskraft im Krankenhaus beispielsweise sollte in Zeiten der digitalen Transformation mindestens die nachfolgenden drei Disziplinen beherrschen: Management, Medizin und Informatik. Die Reihenfolge ist jetzt keine Wertung. Unabhängig davon stellt sich zu Recht die Frage, wie viele Führungskräfte im Gesundheitswesen die drei Disziplinen wohl beherrschen mögen. Jetzt könnte man entgegnen, dass dies nicht notwendig ist, da es schließlich noch Mitarbeiter gibt, die die jeweilige Disziplin abbilden können. Aber am Ende trifft die Führungskraft die Entscheidung und sollte daher wenigstens eine gewisse Ahnung von der Materie haben. Interdisziplinarität wird immer wichtiger. Auch die sog. Zwitterstudiengänge erfreuen sich großer Beliebtheit und steigender Studierendenzahlen. Studiengänge wie Pflegemanagement verbinden die klassische Pflege mit der Betriebswirtschaftslehre zu einer „Speziellen BWL (S-BWL)“. Neue Studiengänge wie der „Physician Assistant“ versuchen das „Kastensystem“ zwischen den Ärzten und den Hilfsberufen ein stückweit aufzuweichen. Heute macht man nicht mehr geradlinig und einschlägig Karriere, sondern man wird interessant, wenn man in seinem Werdegang verschiedene Bereiche und Branchen kennengelernt und sich so zu einem Mitarbeiter mit einem interessanten Mix an unterschiedlichem Know-how designt hat.

Welche Kompetenzen werden benötigt?

In der heutigen schnellen Welt geht es auch um schnelle Entscheidungen, die zu treffen sind. Im Management hat sich die Lebensdauer von Strategien von früher 10 Jahren auf heute 3-5 Jahre reduziert. Die einstmals so hoch gelobte Fähigkeit der Weitsicht erscheint heute manch einem eher als „Kristallkugel“. Der weise Prophet wartet jetzt also lieber die Entwicklung ab, statt auf lange Sicht Prognosen abzugeben und sich Ziele zu setzen, die höchstwahrscheinlich revidiert werden müssen. Machen Sie doch mal selbst den Test. Besorgen Sie sich ein Strategiepapier ihrer Organisation, das vor 10 Jahren geschrieben wurde. Wieviel davon ist heute noch aktuell? Ist die Strategie aufgegangen oder können Sie heute nur noch müde darüber lächeln? Die aufgenommene Geschwindigkeit lässt sich auch auf das Scheitern übertragen. Heute ist es zum einen wichtig, eine gewisse Trial-and-Error-Fehlerkultur zuzulassen, deren zentraler Bestandteil ist, dass Scheitern erlaubt ist. Und wenn scheitern, dann bitte schnell scheitern! Einige sprechen sogar von: „voranscheitern“. In den Kreativ- oder Innovationsabteilungen einiger Unternehmen, die heute neudeutsch „Swarm Intelligence Abteilung“ oder „Innovation-Hub“ genannt werden, ist von vorn herein klar, dass ein Großteil aller Projekte scheitern wird, aber die wenigen, die dann durchkommen, scheinen die Fails zu refinanzieren. Heute geht es also auch um Mut. Aber es geht natürlich auch um Fachwissen. Es kann sogar ziemlich weit gehen. So behaupten einige Zukunftsforscher sogar, dass in Zukunft das Nichtbeherrschen einer Programmiersprache dem Analphabetismus in der heutigen Zeit entspricht. Aber der Zug ist doch schon längst abgefahren, wenn ich die (Hoch-)Schule vor 30 Jahren das letzte Mal gesehen habe. Oder etwa doch nicht?

Ausbildung wird immer kürzer – dafür aber das Lernen immer länger

Wenn Sie heute rund zehn Jahre brauchen bis Sie Facharzt geworden sind, so kann man sich vorstellen, dass man bereits direkt nach Ende der Facharzt-Ausbildung mit veraltetem Wissen in das Gesundheitssystem entlassen wird. Ist eine derart lange Ausbildungszeit noch zeitgemäß? Studien zeigen, dass die Halbwertszeit des Wissens nach ein paar Jahren bereits ziemliche Löcher gerissen hat, so dass viele die aktuellenPrüfungen nicht noch einmal bestehen würden, wenn Sie noch einmal geprüft werden müssten. Aus diesem Grund wird in Zukunft die Ausbildung wahrscheinlich kürzer werden, auch um die jeweiligen Fachkräfte früher in den Job zu bekommen. Und dafür wird die Fort- und Weiterbildung eine immer größer werdende Rolle einnehmen, so dass man sich im Sinne des lebenslangen Lernens den ständigen Updates nicht mehr entziehen kann. Heute schon kann man an digitalen Hochschulen wie UDACITY sog. „micro-certificates“ oder „nanodegrees“ erwerben, die beispielsweise auf die Bedürfnisse von bestimmten Unternehmen zugeschnitten sind. So kann ich einen Crash-Kurs „Google AdWords“ machen oder wenn es noch etwas futuristischer sein soll den „Flying Car Kurs“ oder „Ingenieur für Künstliche Intelligenz“. Und alles kann man sicherlich auch in Zukunft im Krankenhaus 3.0  gebrauchen.

Arbeitsteilung macht es möglich - Berufsbilder werden immer spezieller

Bereits in der Bronzezeit war das Berufsbild des Schmieds als Handwerk bekannt. Im Laufe der Zeit hat sich das Schmiedehandwerk weiterentwickelt und spezialisiert. So kamen beispielsweise Waffenschmiede, Messerschmiede oder Kupferschmiede hinzu. Heute gibt es über zwei Dutzend unterschiedlicher eigenständiger Spezialisierungen. Im Gesundheitswesen zeigt sich ebenso eine derartige Spezialisierung. Es existieren rund 80 Arztgruppen, davon sind zwei der Internist und Allgemeinmediziner und alle anderen sind spezielle Fachärzte – Tendenz steigend. Auch in der Krankenhausverwaltung zeigt sich die Spezialisierung. Während man noch vor 10-20 Jahren kritisch darüber diskutiert hat, ob ein Controlling überhaupt notwendig ist, gibt es heute den Medizin-Controller und zudem noch den Pflegecontroller. Dies findet sich auch in vielen anderen Managementbereichen und anderen Berufsgruppen wieder. Heute ist eine Krankenhausstation nach Berufsgruppen fragmentiert, die zum Teil nebeneinander und nicht miteinander arbeiten. Es braucht eine Neuordnung der Aufbau- und Ablauforganisation und es braucht Kompetenzstufenmodelle für die einzelnen Berufsgruppen, die je nach Qualifikation eine entsprechende Vergütung erhalten.

Neue Berufsbilder entstehen

Es gibt mittlerweile allerdings auch Organisationen, die sich heute bereits erfolgreich auf den Weg gemacht haben, die digitale Kompetenz fest in die Aufbau- und Ablauforganisation aufzunehmen. So gibt es heute sowohl in Krankenhäusern als auch Krankenkassen im Vorstandsbereich den sog. Chief Digital Officer (CDO), der sich mit der digitalen Transformation der Organisation beschäftigt. Darüber hinaus werden heute auch „Patient Communication Manager“ benötigt, die sich auch online mit dem (potenziellen) Patienten beschäftigen. Darüber hinaus werden „Social Media Manager“ oder sogar „Social Media Influencer“ ausgebildet, um sich in der digitalen Welt um die Darstellung der Organisation und die Interaktion mit deren Umwelt zu kümmern.

Fazit

Wenn man die Digitalisierung im Gesundheitswesen mit einem Restaurantbesuch vergleicht, so sind wir heute beim „Gruß aus der Küche“. Die digitale Kompetenz wird in Zukunft immer wichtiger. Es geht nicht um ein „entweder - oder“ um Mensch versus Maschine. Sondern um die sinnvolle Interaktion in einem starken Team. Die Maschine wird den Menschen zunehmend unterstützen und somit auch seinen Arbeitsalltag weiter vereinfachen.

Autor: Prof. Dr. David Matusiewicz, Institut für Gesundheit & Soziales (ifgs, FOM | Hochschule für Oekonomie & Management gemeinnützige Gesellschaft mbH, KCG KompetenzCentrum für Management im Gesundheits- und Sozialwesen